09.04.2005 Jena – Adelboden, CH »Tag 2 «
Gegen 07:00 Uhr weckte mich ein unglaublich nervendes Klingeln von irgendeinem Handywecker…Wenn er nicht mein Cousin gewesen wäre, ich hätte ihn umgebracht!!!
In den Gesichtern, also ich vermute, es waren ihre Gesichter, meiner Mitmusikanten zeichneten sich ganz, aber ganz deutlich die Spuren der vergangenen Nacht ab. Zuviel Flüssigkeit und zu wenig Schlaf! Aber was solls?! Rockstar musst Du sein, dann kannst Du das eben auch ab…geschissen!
Also Aufstehen, Rasieren, Duschen und dann ab zum Frühstück…eine Qual um diese Uhrzeit!
Ich hatte mir eigenmächtig selbst ein Alkoholverbot zumindest bis zum frühen Mittag auferlegt. Sicher ist Sicher! Meine Mitmusikanten hingen sich direkt dran und so vertilgten wir zum Frühstück ausschließlich Kaffee, so ca. 50 Liter.
Irgendwann stellte sich dann auch die eine oder andere Kommunikation wieder ein. Sie lebten also noch…!
Gegen 9 Uhr wurde es dann langsam ernst. Schließlich stand unsere komplette Anlage noch gut verpackt im Bus. Und der stand natürlich unten in der Talstation, ca. 10.000m unter dem Meeresspiegel. Die einzige Möglichkeit jetzt also die Anlage nach oben ins Hotel zu bekommen war…die Seilbahn!!!
Aber ohne mich! Nix! Keine 10 Pferde kriegen mich wieder in diese Gondel…und dann noch mit Anlage…nee!
Also schickte ich Fussel, Franziska und Basti runter ins Tal. Dort luden sie den Bus aus und verstauten den ganzen Kram in der Gondel. Da wir natürlich die komplette Anlage des Rock am Ring Festivals, inklusive Nebenbühnen, mitgenommen hatten, musste die Gondel ca. 10x unten ein- und oben wieder eingeladen werden…eine viehische Arbeit aber ein Bild für die Götter! Die Gelegenheit hat unser Fussel natürlich auch gleich genutzt, um unten im Tal unser Revier zu markieren. Unsere große, blaue DINa4-Plane wurde erstmal bündig an die Seilbahnstation gezimmert, um den Heerscharen der erwarteten Groupies den richtigen Weg zu weisen. Schönet Ding!
Oben an der Bergstation wartete schon das Schneemobil, um unserer Anlage auf den Hänger zu laden und die 100m quer durch den Schnee, bis zum Hotel zu zerren. Hier verstauten wir den ganzen Kram erstmal im Speisesaal.
Der eigentliche Plan war ja, dass wir draußen, direkt am Skilift aufbauen sollten. Da hatte man schon ne Bühne hingezaubert und ne kleine Bar, die mit alkoholischen Getränken die müden Skifahrergeister wieder auf Temperatur bringen sollte.
Aber das Wetter wollte nicht so recht mitspielen…es war einfach nur…verdammt weiß! Es schneite in einem fort. Du konntest keine 10m weit gucken. Ich mein, dass kann so mancher von uns auch so nicht, aber in diesem Fall lag das wirklich am Schnee!
Plan B…wir spielen im Speisesaal des Hotels. An sich keine schlechte Idee. Aber ich glaub dem Hotelchef ist fast das Herz stehen geblieben, als er gesehen hat, was da für riesige Boxen in seinen Speisesaal geschleppt wurden…heul doch Du Mädchen!!!
Wir kannten natürlich keine Gnade und bauten in dem lieblichen Speisesaal die komplette Open-Air-Bühne auf…ha, haaaa…!
Mit ganz viel Geld ließen wir uns dann das Versprechen abringen, nicht zu laut zu spielen…ha, ha, ha! Glaube keinem, außer Dir selbst!
Beim Soundcheck selbst wurde die Messlatte schon mal dementsprechend hoch gelegt. „Klar geht’s auch leiser!“ Aber warum? Rock´n Roll muss knallen im Gebälk und das tat es. Onkel Pe meinte anschließend, das wir eigentlich auch ohne Anlage hätten spielen können. Zumindest musste er wohl keinen unserer Gitarren- oder Bassregler nach oben schieben. Das schob schon ordentlich von der Bühne…Mädchen!
Pünktlich um 13 Uhr, direkt nach dem Mittagessen ging es dann los. Die Hütte war knallvoll…nur Skifahrer! Und alle in diesen lustigen Skifahreruniformen und Plastestiefelletten…irre! Die meisten von denen wollten natürlich eigentlich eben nur „a Broaatzeit“ einnehmen. Aber da haben sie die Rechnung ohne die 4 tollkühnen Musikganoven aus dem mittleren Saaletal gemacht.
Zum Nachtisch gab´s auf die Zwölf…und zwar von uns!
Einige der Gäste liefen gleich verschreckt wieder aus dem Hotel. Die meisten aber waren doch erfreut über unsere musikalische Darbietung. Insbesondere mein lieblicher Singsang erwärmte im Handumdrehen die Herzen unserer schweizer Landsleute. Gut, sie tanzten jetzt nicht gleich halbnackt auf den Tischen…aber zumindest waren sie sehr interessiert und patschen eifrig in die Pfötchen…Tanztee eben, aber schön! Musikalisch war das ganze…sagen wir mal, sehr erlesen aber wir haben uns verdammt gut gefühlt und ein paar richtige Töne sollen wohl auch dabei gewesen sein! Das Beste war wohl noch unser spontanes Akustikset. Da haben wir ein paar Lieder gespielt, die schon seit Jahrzehnten nicht mehr im Programm waren. Zu unser aller Überraschung waren das genau die Titel, in denen unser Ralph Peter Tausendschön geradezu über sich hinaus gewachsen ist. Fast…und ich betone…“fast“ fehlerfrei! Glückwunsch!
Gegen Nachmittag, frühen Abend wurde es dann zusehens leerer. Die Seilbahn und Lifte liefen nur bis 17 Uhr. Und von da an kam keiner mehr ins Tal hinunter oder wieder hoch. Also erstmal Pause! Zum Glück war Samstag und in der Einöde der schweizerischen Alpen hatte irgendjemand ein Fernsehkabel gelegt…Bundesliga!!! Jawollingen!!!
Das ist es doch…Mucke machen, trinken, essen, a bissl schlafen und Bundesliga…mehr braucht kein Mensch! Unterbrochen wurde der Fussballstammtisch nur durch das äußert leckere Abendessen. Lauchcremsuppe, Nudel, Fleisch, Eier, Gemüse…und überhaupt alles, was ich sonst nicht zu essen bekomme. Zum Schluss noch Tiramisu…nächste Woche bin ich komplett auf Diät…aber heute muss der Pansen noch mal trainiert werden! Jaaaa!
Die Zeremonie der Nahrungsaufnahme dauerte dann auch dementsprechend lange…Auch meine Mitmusikanten sparten nicht mit Lobpreisungen auf den Schöpfer dieser göttlichen Gaben und schlugen sich ordentlich den Ranzen voll! Schließlich ist es unhöflich, wenn man nicht auf isst. Ob das natürlich auch noch für den 2. und 3. Teller Fleisch gilt…? Ich wage es zu bezweifeln! Aber so sind meine Burschen…wenn sie was machen, dann richtig!
Nach dem Abendessen folgte dann wieder die obligatorische Diskussionsrunde im Kreise aller Interessierten und vor allem Wissenden. Was haben wir nicht alles für Themen angeschnitten…! Irre! Der zunehmende Alkoholisierungsgrad meiner Musketiere tat sein übriges, um das Niveau der Runde in eine entsprechende Tiefe zu buddeln! Brauchbare Vorschläge zur Rettung des Regenwaldes oder Bekämpfung der Lehrerschwämme konnten wir in dem Zustand natürlich nicht sammeln aber lustig war es allemal!
Naja…und dann kam ja noch unser kleiner, großer Auftritt…also Klampfen wieder raus und dann in geselliger Runde...ab dafür! Dabei fällt mir ein…
Man muss an dieser Stelle mal den vielen wirklich sehr, sehr netten Menschen danken, die sich während der ganzen Zeit dort oben wirklich rührend um uns gekümmert haben.
Ganz vorne dran natürlich Mandy…ach Mandy…egal, was wir haben wollten, Speisen, Getränke, willige Weiber...Mandy brachte es uns! Egal, welches Problem wir hatten, Bauchweh, Heimweh, Spröde Fingernägel...Mandy löste alles und alles und immer mit einem Lächeln im Gesicht! Mandy…wenn Du nicht so weit weg wohnen würdest…ach…!
Dicht auf Mandys Fersen war Erika! Erika war im Prinzip wie Mandy. Vielleicht sogar noch einen Zacken besser, weil man ihre Sprache nicht verstand. Sie konnte schimpfen oder nett sein...egal, man verstand es nicht! Erika klang ein wenig wie Kehlkopfkrebs im Endstadium, gepaart mit 8 Schachteln Zigaretten am Tag und Minimum 2Liter Beam… Mit viel gutem Willen konnte man ein paar wenige Wortfetzen verstehen und zumindest milde lächeln, wenn sie lächelte. Mandy sagte mir dann später irgendwann, dass mit Erika wohl kehlkopftechnisch alles in Ordnung wäre. Ihre Muttersprache wäre nur „schwizerdüitsch“…und die sprechen eben so…is klar!?
Trotzdem gute Besserung!
Nicht zu vergessen war Ursula…oder wie wir sie nannten „Urschulaaa“. Ursula war eine Seele von Mensch. So um die 40-50 und mit einer Seelenruhe ausgestattet...ein Traum in Schleiflack! Ursula schien nie Pause zu haben. Ursula war immer da…zum Frühstück, zum Mittag, zum Kaffe…Ursula war immer am Laufen, Bringen, Holen, Machen und Tun. Vielleicht lag es an ihrer Präsenz, ich weiß es nicht aber Ursula sollte sich schnell als Fussels Herzdame herauskristallisieren. Die beiden waren wie füreinander geschaffen und ergänzten sich gegenseitig wie Albano und Romina Power. Blindes Verständnis! Wie beschissen Fussels Witze auch immer waren, und mit fortschreitender Uhrzeit wurden sie definitiv nicht besser, egal, wie grüze sie waren…Ursula lachte! Sie lachte wie eine junge Prinzessin im Liebestaumel! Ach Ursula…wenn Du nur nicht so weit weg wohnen würdest...!
Im Gegensatz zu Ursula und Mandy wohnten Ramona und Sabine nicht in der Schweiz. Ramona und Sabine kamen aus dem schönen Thüringen. Mehr darf ich an dieser Stelle nicht schreiben, weil sie das hier bestimmt irgendwann lesen werden oder zumindest könnten. Und ich fürchte mich vor der harte Strafe des Gesetzes! Auf jeden Fall wäre das Wochenende ohne die guten Seelen von Sabine und Ramona nicht das gleiche gewesen! Danke…und Entschuldigung für die eine oder andere verbale Entgleisung meiner zu Recht unterbezahlten Musiker!
Ja, ja...all diese guten Seelen vereinigten sich auch an diesem denkwürdigen Abend um uns lustig musizierende Musikanten herum. Dazu kamen dann noch 30-40 Hotelgäste und schon war die gemütliche Runde beisammen. Zelebriert wurden mal wieder alles Songs, die wir lange nicht gespielt hatten...und wiederum zeigten sich ungewohnte Stärken...ich glaub, wir proben nie mehr! Besser werden wir nicht! Diese Runde ging dann, unterstützt von nicht gerade wenig BeamCola, wieder bis so ca. 4 Uhr. Schönet Ding!
Draußen hatte es die ganze Zeit wie bekloppt geschneit. Das sollte uns dann beim ins Bett gehen noch böse auf die Füße fallen... Unser Schlafraum lag ja in einem Nebengebäude des Hotels. Das hieß, dass man ca. 100m Fußweg hinter sich bringen musste, wenn man in sein Bettchen wollte...und das bei diesem Schneetreiben.
Wir traten also alle gegen 4 Uhr den Heimweg an. Schon das Aufstehen war die erste große Prüfung für einige von uns. Halb fallend, halb wankend schafften wir es dann doch bis zur Ausgangstür des Hotels. Jetzt also raus in den sibirischen Schneesturm...und das war ein Schneesturm!!! Du konntest wirklich keine 2m weit gucken, außerdem war es dunkel und bitterkalt! Der frische Schnee hatte dafür gesorgt, dass man den kleinen Trampelpfad, der zu dem Nebengebäude führte, nicht mehr gesehen hat...überall nur Schnee!
Aber tapfer wie wir ja nun mal sind, kämpften wir erbittert gegen den Sturm an und stapften mit unseren ehrlichen Turnschuhen eisern durch den Tiefschnee...bis...ja bis Fussel und ich hüfthoch im frischen Tiefschnee verschwanden. Und wenn ich sage „hüfthoch“, dann meine ich hüfthoch! Es war unglaublich! Wir sind wohl 1-2m links oder rechts vom eigentlichen Trampelpfad abgekommen und dann eben 1m locker im Schnee verschwunden...irre! Wie im Treibsand oder Moor...kein vor und kein zurück! Und jetzt komm da mal wieder raus!
Fussel hatte sich zur Sicherheit noch ein kleines Betthupferl in Form einer BeamCola aus dem Hotel mitgenommen. Das Hupferl geriet natürlich bei dem Sturz in den Schnee in akute Lebensgefahr ... ...hüfthoch im Schnee versunken, quasi fast tot, aber kein Tropfen des edlen Getränks ging daneben...wie die Freiheitsstaue stand er da im Tiefschnee versunken, den rechten Arm mit der Fackel senkrecht nach oben... das ist mein Fussel! Yes!
Irgendwie haben wir uns dann noch aus den Löchern befreien können und kamen dann schneeweiß in unserem Nachlager an. Doch wer gedacht hatte, dass es jetzt direkt ins Bett geht...Irrtum! Großer Irrtum!
Laber, Sülz und Lach...stundenlang! Und als dann endlich irgendwann Ruhe einkehrte in den Bums, hat Fussel wieder das Fichtenmoped angeworfen und den letzten Rest des Regenwaldes abgeholzt! Danke Hase!