17. September 2003 Gera Gummistiefel
... wir waren ja schon 2-3 mal im Gummistiefel - ein kleiner aber feiner Club, rustikal eingerichtet und unmittelbar am Dorint Hotel dran. Das bedeutet, dass wir schon gegen 20 Uhr anfangen mussten und gegen 0 Uhr Ende ist. Die Lautstärke muss natürlich ungefähr Gesprächsniveau haben. Aber das Geheule sind wir ja gewohnt. Egal, wo wir hinkommen. Das erste, was wir hören, wenn wir die Anlage aufbauen, ist "aber macht bitte nicht so laut!" Henne quittiert das dann immer ganz gelassen mit einem süffisanten "Ja, das kriegen wir schon hin!" Regelmäßig ist es dann auch so, dass der Veranstalter dann schon in der 1. Runde kommt und sich beschwert. Aber unser Henne ist gut vorbereitet. In seinem selbst ausgearbeiteten Ausredenkatalog steht alles drin, was der genervte Tontechniker an Phrasen braucht. Von "Leiser geht es nicht!" über "Da kann ich nichts machen!" bis hin zu "Das liegt an der Akustik des Raumes" ist da alles drin. Ich möchte nicht mit Dir tauschen, Bursche! Naja, zur Sicherheit hatte ich mir die Akustikgitarre eingepackt, falls man uns den Strom abdreht, wenn wir dann doch zu laut werden sollten. Und entgegen aller Scheißhausparolen möchte ich hier mal festhalten, dass wir noch nie!!! zu laut waren!
So! Auf jeden Fall sind wir gegen 18 Uhr in Gera eingeritten - leider ohne Basti, weil der es aus mir völlig unerklärlichen Gründen vorzog, seinen Lebensunterhalt mit ehrlicher Arbeit zu finanzieren und noch irgendwo in Bayern war. Watt ein Weichei! Naja, Ralph Peter und Franzi hatten ja schon Übung im Aufbau des Schlagzeugs und so stand die Bude dann auch schon fast, als unser ehrlicher Arbeiter gegen 19 Uhr den Gummistiefel betrat. Der Aufbau im Gummistiefel ist immer recht lustig, weil man im Prinzip keine richtige Bühne hat, sondern quasi vor 'nem großen Kachelofen spielt. Dieser ist zum Glück nicht im Betrieb und aus diesem Grund sehr liebevoll dekoriert. Da stehen dann Bilderchen von Stars wie den "Zillertaler Schürzenjägern", "Heino", "Rüdiger Hoffmann" und anderen Helden der Neuzeit. Der Mist musste natürlich unseren Verstärkern weichen das ist doch klar. Schließlich sind wir Rockstars und nicht der Fischerchor (wer Ralph schon mal hat singen hören, weiß auch warum das so ist!). Nachdem wir uns jetzt Platz geschaffen hatten und Basti sein Schlagzeug noch einmal richtig aufgebaut hatte, konnten wir einen kleinen Soundcheck machen. Ich schwöre, wir waren nie leiser! Na gut, dann ging es ans Essen. Bestellt wurde wie immer hier á la carte. Meine Jungs ignorierten natürlich meinen väterlichen Rat, etwas leichtes zu bestellen, weil sonst die Spielkultur leidet. Ein Hochleistungssportler pfeift sich ja auch nicht unmittelbar vorm 100mSprint 'ne Gyros-Pommes rein. Und wir sind ja quasi Hochleistungsmusiker, fleischgewordene Musikinstrumente. Wir spielen ja nicht einfach nur Gitarre. Nein, wir leben die Gitarre! Ja! Na gut, genug gequatscht... Nach dem Essen waren wir alle satt wie die Raupen. Das Völlegefühl im Magen versuchten Basti und Mick mit ekelhaften Krankengeschichten und Eitergeschwüren zu bekämpfen. Ich bin einfach gegangen. Ich glaube, Basti ist ein bisschen geil dabei geworden.
Gegen 20 Uhr füllte sich dann die gute Stube so langsam. Weil wir ja vorher wieder unseren Lautstärkevortrag gehört haben, dachten wir uns, fangen wir mal ganz, ganz anders an... akustisch eben... Zur Erklärung für alle, die uns noch nicht so lange kennen, wir haben vor 2 Jahren ungefähr mal ein rein akustisches Programm gehabt, welches wir vorwiegend in kleinen Clubs gespielt haben. Aus diesem Programm bestreiten wir heute noch so manche lustigen Abende am Lagerfeuer. Irgendwie dachten wir auch, dass das an dem Tag auch passen würde... Das Problem an der Geschichte war, dass Ralph Peter Tausendschön vorgab, an dem Programm nie beteiligt gewesen zu sein, weil es angeblich vor seiner Zeit gespielt wurde. Wir alle wissen, dass das gelogen ist und er es nur aufgrund seiner altersbedingten Alzheimererkrankung schon wieder vergessen hat. Aber ich dachte mir, wenn er die ersten Töne hört, dann kommt die Erinnerung schon wieder oder zumindest fuchst er sich da irgendwie rein. Aber nix da... Ok, ich hätte es besser wissen müssen! Zumindest hat sich der alte Mann Mühe gegeben. Es klang zwar teilweise so, als ob er stur die erste Runde gespielt hat... halt die Runde, die wir sonst immer spielen... aber ich glaube, das hat keiner so recht mitbekommen. Nein, im ernst... Nach den ganzen Auftritten im Sommer, wo wir ziemlich laut gewesen sind vor allem Mick, Basti und der alte Sack! war es mal wieder eine richtige Wohltat zu musizieren. Man konnte selbst auf der Bühne leise sprechen und hat es verstanden echt geil! Das führte dann natürlich dazu, dass die Leute auch zugehört haben. Ich konnte kleine Witzchen über die Songs machen, auf die Texte eingehen und die Leute haben zugehört. Schönet Ding! Vor allem führte es auch dazu, dass der Veranstalter von Anfang an total begeistert von der Lautstärke war. Seine Freude sollte jedoch nur von begrenzter Dauer sein. Schließlich sind wir eine Rockband und dies tragen wir nicht nur mit schier unglaublich großen Marshallwänden zur Schau, sondern stellen das natürlich auch mit ohrenbetäubender Lautstärke unter Beweis wenn es die Zeit erlaubt. Und nach 20 Minuten Schmusekurs war es dann auch gut mit lieb! Also wurden die Amps aufgewurzelt und los ging es... Und schwupsdiwupps hatten wir Zimmerlautstärke erreicht und wir fühlten uns wieder richtig wohl. Irgendwann kamen dann auch immer mehr bekannte und wohl vertraute Gesichter in Gera an. Und so entwickelte sich fast so eine Art Familienabend... Mit so viel Sicherheit und Vertrautheit im Rücken dachten Mick und ich, dass wir doch mal 2 Nummern alleine spielen sollten, die wir am Vortag noch geprobt hatten. Die Idee an sich war nicht schlecht, die Lieder und Mick an sich auch nicht... aber irgendjemand hat sich in einer Nummer mächtig vergurkt... und zwar so vergurkt, dass es wirklich jeder auch die Köchin - mitbekommen hat. Aus Datenschutzgründen kann ich den Namen der Person hier natürlich nicht nennen. Aber so viel kann ich sagen: "Das ist mir noch nie passiert!" Watt peinlich! Naja, egal nach ungefähr 5-minütiger Totenstille im Raum fing dann endlich der erste an zu lachen und dann lachten alle... Aber das waren bittere Sekunden meiner glanzvollen Musikerkarriere!
Der Abend war aber irgendwie dann auch gerettet. Es konnte ja so viel auch nicht mehr schief gehen. Und selbst wenn, dann hätte jeder gesagt: "Schnauze, Du Gurkenkönig!" und er hätte Recht gehabt! Auf jeden Fall wurde es noch richtig lustig. Trotz des überschaubaren Platzangebotes wurde da mit den Hüften gewackelt und getanzt... Einige haben sich da zwar offensichtlich viel, wirklich gaaaaaanz viel Mut antrinken müssen. Aber wie gesagt, an dem Abend hat das keinen mehr interessiert. Im Gegenteil, wenn man beobachten kann, wie ein angetrunkener, eigentlich gepflegter, wenn auch betrunkener Herr mittleren Alters an 2 jungen, schönen, leider auch ganz schön betrunkenen, tanzenden Frauen rumbaggert und trotz seiner altersbedingten Hüftsteife mit ihnen tanzt, dann ist das mehr als nur lustig. Gegen 1 Uhr war dann aber Schluss mit lustig. Nicht weil Atze mal wieder die komplette, historische Inneneinrichtung des Clubs zerstört hätte, sondern weil man einfach Angst um die Nachtruhe der Hotelgäste hatte. So hatten wir dann auch Zeit, noch ganz in Ruhe etwas zu trinken, zu essen und zu küssen... Schönet Ding! derMax